"Für mich hat das Zusammenspiel zwischen dem Schützen, seiner Waffe, der Kugel und der Zielscheibe eine metaphysische Dimension. Schiessen ist weit mehr als ein blosses Spiel oder eine sportliche Ertüchtigung für grosse Kinder. In der buddhistischen Lehre wird das Schiessen mit Meditation gleichgesetzt. Der Schütze verfällt in einen Zustand höchster Konzentration, so dass für andere Gedanken kein Platz mehr ist. Die Kunst des Schiessens erschöpft sich nicht in der Gewandtheit des Schützen, das Ziel zu treffen. Wäre dies so, verkäme die Übung zu einer reinen Zirkusnummer. Die grossen Meister finden durch das Schiessen zu ihrem wahren Wesen, zur perfekten Harmonie zwischen dem Schützen und dem Ziel, bis beide zu einer Einheit verschmelzen. Die Scheibe wird zum Spiegel der Seele, so dass das Ziel nicht verfehlt werden kann. Dieses Ziel führt viel weiter als die konzentrischen Kreise auf einem Stück Karton, die den Dualismus unserer Existenz wiederspiegeln. Denn der Schuss beginnt nicht erst beim Schützen und endet auch nicht in der Scheibe. Der Schuss kehrt dorthin zurück, wo er am Anfang der Zeiten seinen Ursprung hatte. Anfang und Ende sind eins. Genauso wie im Leben.


Losgelöst von jedem Konkurrenzdenken ermöglicht das Schiessen dem Schützen, seinen Blick nach innen zu richten und dank Disziplin, Konzentration und Kontrolle der Atmung zu sich selbst zu finden. Der Meisterschütze löst, einem Bambuszweige gleich, der sich des Schnees entledigt, dessen Last ihn zu knicken droht, eine natürliche, sich selber genügende Bewegung aus. Je regungsloser der Ursprung der Bewegung ausserhalb von Raum und Zeit, desto vollkommener seine Wirkung im materiellen Raum. Auch der Stierkämpfer mit seiner Muleta, der meditierende Mönch, der versunkene Leser oder der schaffende Künstler kennen diesen Moment des Loslassens, wo das Ego sich im wahren Wesen auflöst und das Universum sich im Detail offenbart und umgekehrt."


- Oskar Freysinger, Staatsrat